Pressestimme zu "Familie als Beginn"

Aus: bzw-weiterdenken.de, 10.3.2016

Familie als guter Ort

Wo wächst ein Kind am besten auf? Die Familiensituation hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert: Weniger Kinder, weniger Geschwister, viele getrennte Ehen. Das macht es weitaus schwieriger, Kindern ein gutes Umfeld mit vertrauten Bezugspersonen zu schaffen. Der Meinung ist auch die Autorin Fricka Langhammer, der selber in ihrer Kindheit eine Großfamilie oder auch nur eine etwas größere Familie gefehlt hat, wie sie am Ende des Buches berichtet.

Jetzt ist sie in dem Alter, in dem eine Familiengründung anstehen könnte. Da auch in ihrem Freundeskreis Ehe und Kleinfamilie kritisch gesehen werden, hat sie diese genauer untersucht. Im ersten Teil des Buches beschreibt sie sehr systematisch Geschichte, Hintergründe, Rollenverteilung und Wertesystem der patriarchal geprägten deutschen Kleinfamilie. Schon dabei wird deutlich, dass diese das, was wir uns von ihr wünschen und erwarten, gar nicht bieten kann. Im zweiten Teil stellt sie der uns vertrauten Kleinfamilie die matriarchale Großfamilie am Beispiel der Mosuo in China gegenüber. Fricka Langhammer hat dazu die vorhandene spärliche Literatur gründlich durchgearbeitet, kann aber nichts Neues aus eigener Erfahrung oder Beobachtung beitragen. Die Mosuo leben frauenzentriert in Clans, die bis zu vier Generationen umfassen. Eine der reiferen – nicht der ältesten – Frauen ist das Familienoberhaupt – so lange, bis sie dieses Amt aus Altersgründen an eine Jüngere übergibt. Es gibt keine Ehemänner, sondern als männliche Bezugspersonen die Brüder der jeweiligen Generationen, die in ihrer Herkunftsfamilie bleiben, einer Arbeit nachgehen, sich an der Erziehung der Kinder ihrer Schwestern beteiligen und in der Familie versorgt werden. Väter der Kinder sind Liebhaber der Frauen, mit denen diese längere oder kürzere Zeit verbunden sind, ohne aber einen gemeinsamen Haushalt zu haben. Es ist eine sogenannte Besuchsehe.

Im Vergleich der beiden Familienformen zeigt Fricka Langhammer, dass die matriarchale Familie, auch wenn sie für uns Europäerinnen sehr gewöhnungsbedürftig klingt, für Kinder wesentlich mehr Stabilität bietet, weil immer weibliche und männliche Bezugspersonen da sind, auch wenn ein Elternteil, meistens ja der Vater, abhandenkommt. Was sie besonders überzeugt ist die Tatsache, dass die Liebesbeziehung und das sexuelle Verlangen zwischen Frauen und Männern bei den Mosuos von der ökonomischen Existenzsicherung getrennt sind.

Natürlich weiß die Autorin, dass die Lebensverhältnisse aus dem ländlichen China nicht auf das industrialisierte Europa zu übertragen sind. Doch ohne Visionen keine Veränderungen. Den Schlussteil des Buches bildet ein Gespräch zwischen ihr, ihrer Mutter, der Labyrinthkünstlerin Li Shalima, und der Filmemacherin und Matriarchatsexpertin Uschi Madeisky, in dem sie sich darüber unterhalten, wie eine matriarchal geprägte Großfamilie wenigstens in Ansätzen in Deutschland gelebt werden könnte.

(Juliane Brumberg)

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