Pressestimme zu "AVE DEA"

Aus: www.bzw-weiterdenken.de, 23.2.2017

Wer er-kennt sie schon, die alten Göttinnen?

Für die griechisch-römischen Mythologie mit ihren komplizierten Beziehungsgeflechten konnte ich mich nie wirklich erwärmen. Zu verworren, zu gewalttätig, zu unlogisch, zu sehr dominiert von tricksenden männlichen Götterchefs und Halbgöttern. Und bei den weiblichen Mitspielerinnen ging es hauptsächlich um Schönheit. Infolgedessen habe ich zu den Göttinnen nur ein rudimentäres Halbwissen und kann mit Namen wie Gaia, Hera, Hestia oder Hekate wenig Konkretes verbinden. Oder die ganzen A’s: Aphrodite, Artemis, Athene, Ariadne. Welche steht jetzt für was? Irgendwie ähneln sie sich doch alle.

Dass tatsächlich viele der alten Göttinnen eine gemeinsame Wurzel haben und für eine uralte weibliche Kraft stehen, die in den patriarchalen Mythen bezwungen werden musste, erklärt das Buch Ave Dea. Es ist eines der spannendsten Sachbücher, das ich in der Hand hatte. Angenehm lesbar erklären die Schweizer Autorinnen Ulrike Pittner und Ursa Krattiger, was es mit den Göttinnen auf sich hat und wie ihre Legenden auf alte matriarchale Lebensweisen hindeuten. Sie tun das nicht sachlich abstrakt, sondern erzählen, oft in der Ich-Form, von ihrem persönlichen Zugang zur jeweiligen Göttin. Das Buch ist also ein parteiliches Buch, das bewusst den feministischen Blick auf die Göttinnen in den Mittelpunkt stellt und mit matriarchalem Denken vertraut machen möchte. Demzufolge gibt es ein vielfältiges Angebot von Interpretationen der jeweils mit den Göttinnen verbundenen Symbole. Ein Übriges leisten die zahlreichen Abbildungen, die zeigen, wie Künstler und Künstlerinnen im Laufe der Jahrhunderte die Göttinnen gesehen und auf welche Aspekte sie ihren Schwerpunkt gelegt haben.

Trotz dieses überreichen Angebots an Informationen und Assoziationen ist das Buch klar aufgebaut: Erst wird den 13 ausgewählten, einst hoch verehrten, Frauen jeweils eine Stimme gegeben, mit der sie sich selber vorstellen. Sodann erzählen die Autorinnen fachlich fundierte Hintergründe, auch verschüttete, die im männlichen geprägten Bildungsbürgertum eher nicht überliefert wurden. Dann gibt es Texte über sie und schließlich didaktische Handreichungen zu jeder der vorgestellten "Persönlichkeiten". Auch wenn es den meisten Leserinnen fern liegen mag, über die Göttinnen zu unterrichten, enthalten doch gerade diese didaktischen Hinweise noch einmal spannende Facetten, die die Wirkung der alten Gottheiten auch im heutigen Alltag und der heutigen Rezeption verständlicher machen.

Einmal mehr ist es dem Christel Götter Verlag gelungen, diesen reichhaltigen Schatz von weiblicher Erkenntnis und weiblicher Würde in einem auch optisch äußerst ansprechenden Buch zu verpacken. Es ist lustvoll, darin zu schmökern und obwohl kein Roman, ist die Versuchung groß, die 356 Seiten nacheinander wegzulesen. Wir können in Zeiten eintauchen, in der die Welt noch anders, als nur durch den patriarchalen Vatergott erklärt wurde.

(Juliane Brumberg)

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