Pressestimme zu "Gauklerin der Literatur"

Aus: Feministische Studien, November 2004

"Die drei zur Besprechung ausgewählten Monographien aus dem Jahre 2003 dokumentieren eindringlich das aktuelle Interesse an einer feministischen Revision der literarischen Moderne.

Trotz der unterschiedlichen Fokussierungen, die die Autorinnen vornehmen, fördert ein Vergleich der Abhandlungen über Elizabeth von Arnim (1866-1941), Vernon Lee (1856-1935) und Anna Wickham (1883-1947) interessante Parallelen zutage. Er gibt uns Aufschluss darüber, unter welchen Bedingungen und in welchem Maße sich Frauen an den ästhetischen und theoretischen Diskursen der Moderne beteiligen konnten - oder nicht.

Dass alle drei Frauen einen Ausbruch aus ihrer (Geschlechter)Rolle wagten, hängt mit einer Erfahrung zusammen, die sie in ihrer Kindheit bzw. frühen Jugend machten: Sie stammen aus Elternhäusern, die sie nicht für ein sesshaftes, bürgerlich normiertes Leben prädestinierten.

Elizabeth von Arnim, eine Cousine Katherine Mansfields, wurde in Australien (oder Neuseeland) als Mary Annette Beauchamp geboren. Sie heiratete den um viele Jahre älteren preußischen Grafen Henning August von Arnim-Schlagenthin, mit dem sie u.a. in Berlin und Pommern lebte. nach dem Tod ihres ersten Ehemannes, der die Vorlage zum ‚man of wrath’ (einer Methapher für den strafenden Vatergott der Bibel) in Elizabeth and her German Garden (1898) lieferte, ging Elizabeth von Arnim eine zweite, äußerst problematische Verbindung ein, die ihr endgültig die Augen für gesellschaftlich fixierte und verinnerlichte Ungleichheiten der Geschlechter öffnete, die sie in ihren Texten mit den Mitteln der Komik sezierte. Elizabeth von Arnim schrieb mehr als zwanzig Romane, darunter auch The Enchanted April (1923), ein Werk, das vor einigen Jahren verfilmt wurde. Es handelt von vier Frauen, die für die kurze Zeit eines Italienaufenthaltes eine weibliche ‚éducation sentimentale’ durchlaufen und erfolgreich die Utopie einer friedfertigen männerlosen Welt erproben. Selbst auf die nachgereisten (Ehe)Männer färbt der Bildungsprozess positiv ab. ...

Bei ihrer Kritik an überkommenen gesellschaftlichen Normen bediente sich Lee häufig des Stilmittels der Parodie oder Satire. Elizabeth von Arnim hat es, wie bereits oben angedeutet, in der Verwendung dieser Stilmittel zur wahren Meisterschaft gebracht. Marianne Flassbecks Untersuchung, in der erstmals in einer Monographie die wichtigsten Werke Elizabeth von Arnims ästhetisch gewürdigt werden, ist der Pionierleistung von Christa Zorn vergleichbar. Ausgehen von der These, dass die Duplizität weiblichen Schreibens sich besonders in der Doppelsinnigkeit weiblichen, literarischen Lachens spiegelt, untersucht Flassbeck den Facettenreichtum der Komik an vier verschiedenen Romanen Elizabeth von Arnims, die alle den Fokus auf traditionelle ‚frauenspezifische’ Themen (Liebe, Ehe, Mutterschaft) legen. Die Erwartungen des Lesepublikums werden allerdings nachhaltig dadurch unterlaufen, dass der gängige romantische Plot durch Inversionskomik entzaubert wird. Doch was so spielerisch in einigen Romanen daherkommt, ist in anderen oft ein Drahtseilakt zwischen Affirmation und Entmystifizierung der Liebessehnsucht: ‚... so stellt der Roman Love - und hier sind erneut Witz und Humor im Spiel - eine kuriose Akrobatik zwischen Bejahung der Liebe und jener feministischen Entzauberung der Liebe dar, die Liebe und Sexualität für die Frau unter männlich definierten Geschlechterverhältnissen als gefährliche Falle betrachtet’ (149). Hinter Leichtigkeit und Gauklerei entdeckt Flassbeck ‚ernste Anzeichen einer epistemologischen Abkehr der Moderne vom aufklärerischen Ideal des vernunftgesteuerten Menschen’ (67).

Fruchtbar erscheint mir auch ihre Idee, die auffällige Mehrfachverknüpfung von Liebe, Tod und Geburt im Roman Love als Plädoyer für eine alternative weibliche Liebeskonzeption zu lesen, die im Tod einen Neuanfang sieht und die Geburtlichkeit (Natalität im Sinne Hannah Arendts) einem männlich konnotierten Topos von Vergänglichkeit und Sterblichkeit entgegensetzt.

Auch Elizabeth von Arnim setzt sich kritisch mit Platons Liebeskonzept auseinander, indem sie der ‘auf Platons Phaidros zurückgehenden Liebesmetaphorik von Herrschaft und Knechtschaft als Ausdruck sinnlicher Liebesverfallenheit’ (168) ‚eine stark ironische Bedeutungsdimension’ (169) verleiht. Die historischen und theoretischen Prämissen der von Flassbeck verwendeten Analysekategorie einer geschlechterdifferenten Komik sind in einem gesonderten Kapitel so fundiert und differenziert dargestellt, dass dieses Kapitel - losgelöst von seinem eigentlichen Zweck - auch als allgemeine Einführung in die Theorie(n) des Lachens gelesen werden kann. Marianne Flassbeck beschließt ihre - nicht zuletzt wegen des außergewöhnlichen Formats und der kunstvollen Umschlaggestaltung - sehr ansprechende Untersuchung mit einem Kapitel, in welchem sie die Leistung der Schriftstellerin Elizabeth von Arnim im Kontext spätviktorianischer und frühmoderner Diskurse kritisch verortet. ..."

(Anna Maria Stuby)

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