Originalvortrag von Luisa Muraro (Autorin)

Wenn Kardinal Ratzinger ein Student von mir wäre

Wenn Kardinal Ratzinger ein Student von mir wäre, würde ich gern mit ihm über vieles diskutieren bezüglich seines Schreibens über die Zusammenarbeit von Mann und Frau, ihn beglückwünschen, befragen, mich distanzieren oder ihm zustimmen. Ich müsste ihn allerdings auf einen Irrtum, einen einzigen, aufmerksam machen, nämlich den, zu glauben (oder glauben zu machen), die Verschleierung der Verschiedenheit oder Dualität der Geschlechter, um seine Worte zu gebrauchen, sei eine jüngere Tendenz des menschlichen Denkens. Es handelt sich vielmehr um eine jahrhundertealte Tendenz, die in der philosophischen Tradition deutlich erkennbar ist. Mit unbestrittener Autorität erklärt dies Heidegger: Die Ontologie hat uns immer gelehrt, das Menschsein als neutral in Bezug auf die Beziehung (ich-du) und in Bezug auf die Geschlechtlichkeit (Mann-Frau) anzunehmen. Eine Neutralität, so muss hinzugefügt werden, von der die feministische Kritik gezeigt hat, dass sie ein Konzept ist, das auf den Menschen männlichen Geschlechts zentriert (androzentrisch) ist. So viel´ich weiß, hat sich vor diesem Text von Kardinal Ratzinger die christlich orientierte Philosophie niemals dieser Tendenz widersetzt oder wenn, dann ohne auf die Ontologie der geschlechtlichen Neutralität zurückzugehen. Tatsächlich kennt die christliche Personologie kein Denken der sexuellen Differenz. Kurz gesagt, wir befinden uns vor einem Text von größerer Sprengkraft und Neuheit, als er selbst es zu verstehen gibt. Etwas Ähnliches wie für den Punkt der geschlechtlichen Neutralität gilt auch für eine andere Tendenz, die das Schreiben zu Recht mit der ersten verbindet, und zwar für diejenige, sich von den eigenen biologischen Konditionierungen zu befreien. Auch diese Tendenz ist alt, sogar sehr alt, sie geht bis zu den Ursprüngen des Patriarchats zurück, das alles Mögliche erfunden hat, um unsere unüberwindbare Abhängigkeit von der mütterlichen Beziehung zu bagatellisieren.

Was also ist an Neuem geschehen, das die überraschende Stellungnahme der Kirche inspiriert hat, und zwar nicht seitens irgendeines theologischen Vorkämpfers, sondern des Kardinal-Präfekten der Glaubenskongregation selbst. Was die zweite Tendenz betrifft, so scheint es mir weniger schwierig, eine Antwort zu versuchen. Im Bereich der geleugneten Abhängigkeit von biologischen Konditionierungen besteht das Neue in dem doppelten Übergang in die Moderne und zu ihren postmodernen Entwicklungen, ein Übergang, den wir folgendermaßen zusammenfassen können: Das Denken hat sich vom Empfinden getrennt, um sich dem Verstand genauer anzupassen, der Quelle einer vorgeblichen Autonomie des Menschen, dessen Vernunft sich ihrerseits vom Techno-Logischen hat ersetzen lassen. (Auf diesem Weg ist Europa zum Wahnsinn des ersten Weltkriegs gelangt, der erste in einer Reihe von anderen Kriegen und anderen Wahnsinnstaten, für die unsere Nachkommen die Rechnung bezahlen müssen.) Nun gut, die katholische Kirche hat den Übergang in die Moderne über sich ergehen lassen, sich Sorgen darüber gemacht, hat davon gesprochen. Sie war nicht die einzige und auch nicht die erste, das muss gesagt werden. Ich denke an den großen Philosophen, den wir nicht in den Philosophiebüchern finden, Giacomo Leopardi, der mit prophetischem Nachdruck immer wieder auf unseren katastrophalen Verlust an Nähe zur Natur zurückkommt, ein Verlust, der mit den Fortschritten der Moderne einhergeht.

Schwieriger zu verstehen ist, was diesen Mann, Joseph Ratzinger, dazu geführt hat, sich das Denken der sexuellen Differenz zu eigen zu machen. Ein Denken – es ist notwendig, dies zu präzisieren, was das Schreiben nicht macht –, das sich innerhalb des Feminismus entwickelt hat, im Konflikt mit anderen feministischen Theorien und Politiken: Der Feminismus ist tatsächlich immer facetten- und konfliktreich gewesen, da er sich mitten in widersprüchlichen und schwierigen Veränderungen befindet, die die Grundlagen der Kultur berühren, denn sie betreffen die Beziehungen zwischen den Geschlechtern (zwischen Frau und Mann, ja, aber auch und zugleich zwischen Frau und Frau, zwischen Mann und Mann).    

Dass das Schreiben davon handelt, haben viele Kommentatoren nicht bemerkt, obgleich sie seine Neuheit ahnten. Viele haben den radikalen Feminismus mit den Gendertheorien verwechselt, die Ratzinger attackiert. Die Journalistin Ida Dominijani ist eine Ausnahme. Sie erkennt deutlich die Verwandtschaft des Schreibens mit einem Teil des Feminismus, so wie sie genau weiß, dass der radikale Feminismus (denken wir an Carla Lonzi, was Italien betrifft) im Denken der sexuellen Differenz seinen Ursprung hat, zunächst im Kampf mit der Politik der Emanzipation, dann mit dem Feminismus der Gleichstellung, auch besitzt sie ein profundes Wissen über die Texte der gender theory. Deshalb verweise ich meine LeserInnen auf ihren Kommentar in der Zeitung il manifesto vom 03.08.04. Ich selbst möchte dagegen denjenigen direkt antworten, die gesagt haben, das Schreiben sei nicht wirklich neu, da es die alte katholische Position der Komplementarität der Geschlechter wiederhole und den Frauen die übliche Rolle zuweise. Die Lektüre des Textes, insbesondere des vierzehnten Absatzes, müsste reichen, den zweiten Kritikpunkt auszuschließen, theoretisiert doch der Autor klar den freien Sinn der sexuellen Differenz, wenngleich in Begriffen, die mit seinem Glauben und seinem moralischen Credo vereinbar sind. Aber wie sollte es anders sein? Was für eine Beziehung wäre das, welcher Austausch könnte je stattfinden, wenn der andere in allem so denken soll, wie ich denke?

Was die Komplementarität betrifft, so stimmt es sicher, dass Ratzingers Text behauptet, die gleiche Würde der Personen verwirkliche sich als physische, psychologische und ontologische Komplementarität, die eine auf Beziehung angelegte harmonische “Einheit in der Zweiheit” schaffe. Diese Stelle ist häufig zitiert worden, m.E. zu häufig. Man hat nicht andere Stellen berücksichtigt, die die freie Entfaltung der weiblichen Präsenz auch in traditionell männlichen Bereichen bejahen und betonen, dass die Werte, die den Frauen mehr am Herzen liegen, auch für Männer eine Lehre sein können: An diesen Stellen tritt die Komplementarität zurück zugunsten der Asymmetrie, die mit Freiheit und Gleichheit einhergeht. Und das ist, so meine ich, der Kernpunkt des Denkens der sexuellen Differenz.

Hinzuzufügen ist, dass sich der vielzitierte Passus der Komplementarität explizit auf eine paradiesische Gegebenheit bezieht, was meint, vor dem Sündenfall: Dieser habe das Verhältnis zwischen den Geschlechtern potentiell konflikthaft werden lassen, heißt es im Schreiben. Hier betritt man, das ist mir klar, ein schwieriges Terrain, aber es zu betreten halte ich für unvermeidlich, um die religiöse Sprache zu verstehen zu suchen, die vom Sündenfall und von seinen Folgen spricht. In den Ländern der Reformation lehnen es die laizistischen Denker nicht a priori ab, sich an dieser Sprache und an diesen Themen zu messen. Bei uns würde es sich gehören, sich dessen zu enthalten, aber ich bin damit nicht einverstanden, ich denke so wie jener (erklärtermaßen nicht christliche) Leser des manifesto, der das Bedürfnis verspürte, einen Brief zu schreiben, um zu recht zu sagen: Tun wir nicht so, als sei das Christentum nicht ein Bestandteil unsere kulturellen Erbes. Positiv ausgedrückt: Für mich bedeutet das christliche Erbe, mit seinem Schatten und seinem Licht, Reichtum des Denkens, und es steht allen zur Verfügung.

All dies sei gesagt, um “meinem Studenten” schließlich eine präzise Frage zu stellen: Warum bist du nach jenem Hinweis auf den Konflikt zwischen Mann und Frau nicht wieder darauf zu sprechen gekommen? Weshalb hast du nicht die Unvermeidbarkeit des Konflikts erkannt, warum hast du nicht gezeigt, dass einen Konflikt auszutragen nicht heißt, einen Krieg zu führen, und dass die Möglichkeit eines relationalen Konflikts existiert? Ich stelle diese Frage, weil es mir scheint, dass diese Dinge sich aus der Notwendigkeit ergeben, mit den Folgen des Sündenfalls zurechtzukommen. In anderen Worten: Ich denke, die Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern – das Thema des Schreibens – ist nicht möglich, wenn wir nicht zulassen, dass es einen Konflikt geben kann – so wie wir die Schmerzen des Geborenwerdens, die Mühen der Arbeit und die Angst vor dem Sterben zulassen. Und sie ist vor allem nicht möglich, wenn wir uns nicht darum bemühen, den Konflikt mit Liebe, Freundschaft und Zusammenarbeit in Einklang zu bringen.

"Relationaler Konflikt" stellt eine Formulierung dar, die von Denkerinnen der Differenz, von Feministinnen, geprägt wurde. Wenn ich behauptete, dass er auch eine fest verwurzelte politische Praxis ist, würde ich zuviel sagen. Es handelt sich um eine Suche, es gibt ein Bedürfnis, es ist eine Idee und es gibt Momente und Fragmente, die sie erstrahlen lassen – mehr könnte ich nicht sagen. Das Hindernis ist groß. Ich nehme es in mir wahr. Ich erkenne es auch im Text des Schreibens, das die Zielscheibe seiner Polemik – nämlich feministische Theorien – nicht verschweigt, doch über einige Quellen seines Diskurses – andere feministische Theorien – schweigt. Und ich stelle mir vor, dass das Verschweigen dieser anderen Quellen der Tatsache geschuldet ist, dass der Text sie sich nicht völlig zu eigen machen kann. Somit kehrt die unfruchtbare Beziehung einer gegenseitigen Ablehnung zurück, die mich vorhin sagen ließ: Was für eine Beziehung wäre das, welcher Austausch könnte je stattfinden, wenn der andere in allem so denken soll wie ich?

Die Interpretationen des Schreibens, die mir weniger getreu erscheinen, sind meiner Meinung nach gerade auf diese vom Autor nicht bezahlte Schuld gegenüber einem Teil seiner Quellen zurückzuführen. Verschwiegene Quellen sind, der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit nach, erstens der katholische Feminismus, der großzügig ist und schlecht behandelt wird wie jene Frau aus dem Evangelium, die Jesus Füße und Haare salbte (geradeheraus gesagt: Ich weiß nicht, wie es diese Frauen geschafft haben, der klerikalen Arroganz gegenüber standzuhalten); zweitens die feministische Theologie, einfallsreich und fleißig wie die berühmte Martha, die Jesus das Mahl bereitete, nachdrücklich gelobt, nicht von Jesus (der sie sogar liebevoll ausschimpft), sondern von Meister Eckhart in einer seiner deutschen Predigten. Drittens folgt das Denken der sexuellen Differenz, das wir – um beim Evangelium zu bleiben – mit der nicht weniger berühmten Samariterin am Brunnen verbinden könnten, bei der Jesus stehen blieb, um mit ihr zu sprechen. Unter den weniger getreuen Interpretationen des Schreibens finde ich – nichts für ungut! – die von Vittorio Messori im Corriere della sera. Das Schreiben, so lese ich, sei eine Unterweisung “für alle, aber angefangen mit den Frauen, verführt und verdorben durch Lehren, die sich schmeichelnd als heilsam ausgeben”. Das ist doch eine Welt der Phantasmen: Eva, die sich von der Schlange verführen lässt, das geistig schwache weibliche Geschlecht, der weibliche Primat in der Ursünde ... Das größte Unrecht einer derartigen Lektüre erfahren heute, anno 2004, nicht mehr die Frauen, sondern Ratzingers Text erfährt es. Allerdings bietet er sich dafür an.

Das Hindernis für die Praxis des relationalen Konfliktes ist nicht weniger groß als die symbolische Unordnung, die über Jahrhunderte durch die sexistische Herrschaft erzeugt worden ist. Bedingt ist dieses Hindernis auch durch die weibliche Anpassung – um des lieben Friedens willen, sagten unsere Mütter, aus Liebe zur Welt, sagen wir – und durch die männliche Gewohnheit, es sich in dieser Anpassung bequem zu machen. Beide Haltungen, die weibliche und die männliche, sind viel weniger auffällig und skandalös als gewisse patriarchale Sitten – die Burka! –, doch um so dauerhafter und heimtückischer.

Aber dieses Schreiben wurde von einem Mann verfasst, der sich nicht mehr wohl fühlte, wegen der Frauen, die, auch wenn sie den Frieden und die Welt lieben (wir lieben sie, ja), zuerst ihre Freiheit lieben. Was ist geschehen, fragte ich weiter oben, was hat diesen Text inspiriert – war es Kalkül oder der heilige Geist –, in dem sich die Katholische Kirche verabschiedet von der geforderten Überwindung der sexuellen Differenz seitens der Männer und von der Verleugnung der biologischen Abhängigkeit, die Jahrhunderte lang unsere Kultur prägten? Es könnte Folgendes sein: Immer weniger Frauen sind bereit, das Zeichen der sexuellen Differenz auch für den anderen zu tragen (“le sexe” wurde in Frankreich zum Synonym für “Frauen”) und damit die einseitige Abstraktheit des männlichen Denkens zu korrigieren, sie durch eine schweigsame, alltägliche, völlig inkarnierte Arbeit zu korrigieren, die niemals wirklich anerkannt und oft genug verkannt wurde. Einige unter diesen Frauen – unter uns, ich bin eine Frau – entschieden, diese Arbeit in politischen Kampf und denkendes Denken zu übertragen. Andere haben einfach aufgehört, diese Arbeit zu tun, um im großen Meer des technologischen Neutrums neue Wege zum freien Selbstausdruck zu erproben, oder sie lassen sich einfach treiben, wohin die Strömung sie trägt. Zwischen den erstgenannten und den anderen gibt es Konfrontation und Kollision. Es wäre falsch, dem Kardinal, der den Kampfplatz betritt, zu sagen: Ziehe dich zurück, das geht dich nichts an. Im Gegenteil, die Angelegenheit betrifft ihn enorm, denn die Zeit ist gekommen, die Arbeit an der Bedeutung der sexuellen Differenz, wie Luce Irigaray begonnen hat zu lehren, zwischen Frauen und Männern zu teilen und aufzuteilen. Wir können den Kardinal jedoch fragen, so wie es Ida Domininjani tat: Und die Männer? Du, der du ein Mann bist, wie gedenkst du als Mann gegen das zu kämpfen, was die weibliche Liebe zur Freiheit dazu bringt, in das große Meer des Technologie–Neutrums abzudriften? Das, was du Irrtümer nennst, sind es im buchstäblichen Sinn des Wortes, es sind Versuche, dort Wege zu bahnen, wo immer mehr Frauen sich hinbewegen, und wo es keine Wege gibt, für niemanden, ob Mann oder Frau.

An dieser Stelle könnte ich aufhören, zumal ich müde bin, ich schreibe jedoch weiter, um eine Fortsetzung zu erzählen, die ich mir vorgestellt habe (es ist nicht meine Schuld, dass es nötig ist, sich durch Imagination helfen zu lassen). Ich habe mir vorgestellt, dass an diesem Punkt “mein Student” mich fragt, wie er zu einer philosophischen, religiösen und politischen Suche beitragen kann, deren Protagonistinnen die Frauen sind, ohne sie, die Frauen, zum Gegenstand seines Diskurses zu machen, wie es ihm spontan passiere und wie er es in seinem Schreiben tatsächlich macht. Er ist gewiss nicht der Einzige. Ich würde ihm antworten: Das kannst du, indem du beim Denken und Sprechen von dir ausgehst, einer Praxis gemäß, die viele Frauen kennen, die aber Männern leider recht schwer fällt. Danach würde ich hinzufügen: Joseph, ich habe eine gute Nachricht für dich, ich habe kürzlich entdeckt, dass die erste schriftliche Formulierung dieser Praxis des Von-sich-selbst-Ausgehens das Werk eines Mannes ist, eines Theologen und Philosophen des Mittelalters, der eine gewisse Vertrautheit mit dem Denken der Frauen besaß: Meister Eckhart. Ich stelle mir irgendwie vor, dass ein Kardinal der Kirche lieber auf die Erklärung eines Magister der Sorbonne hört. Der dominikanische Meister schrieb (ich übersetze aus dem Lateinischen, nicht für Ratzinger freilich, sondern für meine Leser), um welches Thema es sich auch immer handele, irdisch oder göttlich, wir können uns nicht anmaßen, etwas zu wissen dank eines von außen vorgegebenen Themas, sei es persönlich oder objektiv, denn alles, was wir unabhängig von dem, was uns innerlich bewegt zu sagen versuchen, ist Todsünde der Lüge. Von mir aus und positiv gesagt: Um damit anzufangen, etwas Wahres zu sagen oder zu hoffen, es sagen zu können, sollten wir auf das hören, was uns zum Sprechen bewegt, und versuchen, davon Rechenschaft zu geben, der Rest (die Wahrheit) wird sich zusätzlich einstellen.

(Veröffentlicht in il manifesto am 07.08.04)

Aus dem Italienischen von Angelika Dickmann

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