Projekt Beschreibung

Die Sprache unsrer Ursprungs-Mutter MA

FEMBIO, Empfehlungen, 6.9.2020

Wir alle wurden von einer Mutter geboren“. Diesen Satz wiederhole ich in Vorlesungen, Vorträgen und Gesprächen immer wieder. Er dient dazu, den Bann zu brechen, unter dem das Wort mütterlich in unserer Zeit zu stehen scheint. Ablehnung brandet auf, etwa wenn ich im Zuge der Ökologiedebatte von Mutter Erde spreche, oder wenn ich für die Anerkennung des naturgegebenen Geschlechts plädiere: „Reden wir besser von Geschlecht, nämlich von Frauen und Männern, statt von Gender“.1 »Muss ich jetzt Mutter werden« so reagieren junge, durchaus umweltbewusste Frauen, wenn ich die Notwendigkeit hervorhebe, nach mütterlich-vorsorgenden Prinzipien zu denken und zu handeln. Zu tief sitzt das Trauma der patriarchalen Degradierung der Frau zur Menschenzucht, angefangen beim Frauenraub und der Versklavung zum Gebär- und Arbeitstier (frühe mesopotamische Stadtstaaten2), über die Unmündigkeit der Frau in der attischen Demokratie (die sich als Wahlunmündigkeit bis ins 20 Jahrhundert fortsetzt), grausam verstärkt  durch die Hexenverfolgung der aufklärerischen Neuzeit, bis hin zur Etablierung der abhängigen Hausfrau mit der Lohnarbeitergesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert und der fortgesetzten Niedrigbezahlung der Care-Arbeit im 21. Jahrhundert. Das Muttersein wird unsichtbar gemacht, sowohl in der Philosophie als auch in der Ökonomie (»ich arbeite nicht, ich bin Hausfrau«), – wenn auch freilich nicht in der wirklichen Wirklichkeit. Nach wie vor werden die Kinder aus den Müttern geboren, wenn auch die Machenschaften in der Tier- und Pflanzenzucht drohende Schatten auf die menschliche Reproduktion vorauswerfen. Frauen ist die anerkennende Wertschätzung von Mutterschaft und Gebärfähigkeit entzogen worden. Begleitet wird diese ideologische Entwurzelung auf der einen Seite von der wurzellosen Idealisierung auf der anderen. An die Stelle des wirklichen, naturgegebenen, anerkannten weiblich-mütterlichen Platzes in der Gesellschaft tritt der Heiligenschein. So wie das Mutterkreuz der Nazis mit der Vernutzung der Frauen an den Fließbändern der Munitionsfabriken verbunden war. Auch dieses Trauma wirkt bis heute fort. Beim Wort Mütterlichkeit brechen die Klagen über die lieblose Mutter los, die sich nicht hinreichend aufgeopfert habe. Sie wird am Glorienschein gemessen, statt an ihrer und unser aller Lebenswirklichkeit. Wo bleibt die Solidarität der Kinder, zumal der Töchter mit den Müttern? Wie sind wir bis hierher in diesen Sumpf geraten?

Mit dem Band von Annine van der Meer liegt nun eine großartige Dokumentation vor, die ermöglicht, auch den Weg der Entwürdigung und Diffamierung des Mütterlichen von der Altsteinzeit bis in unsere Tage nachzuvollziehen. Die voluminöse Materialsammlung mit den Darstellungen der Urmutter MA und den Transformationen, die sie im Laufe der Zeit erfahren haben, ist „ein völlig neues, überarbeitetes, erweitertes und aktualisiertes Buch“ gegenüber der niederländischen Originalausgabe von 2009 und der englischen Publikation von 2013 (Vorwort AvdM). Dass ein kleiner Verlag wie der von Christel Göttert solch ein Vorhaben stemmt, kann nur bewundert werden. Die Qualität der Abbildungen ist genauso hervorragend wie der Anmerkungsapparat. Hier handelt es sich um ein Nachschlagewerk, das in keiner Bibliothek und keinem Bücherschrank von Menschen fehlen sollte, die sich mit den drängenden Menschheitsfragen unserer Zeit beschäftigen, sei es Ökologie, sei es alternative Landwirtschaft, sei es Degrowth, sei es allgemein das Ringen um eine andere Gesellschaftsverfassung.

Viele werden sich an das Werk „Die Sprache der Göttin“ von Marija Gimbutas erinnert fühlen, 1995 im Verlag Zweitausendeins erschienen 3. Schon mit dem Titel knüpft Annine vdM an die Arbeit der litauisch-USamerikanischen Archäologin an, die anhand der steinzeitlichen Funde von Figurinen und Keramikmustern in Alteuropa eine weiblich-mütterliche Symbolsprache erkannt hatte, die sich schließlich zu einer Protoschrift entwickelt.4 AvdM ist keine Archäologin, sondern Historikerin und Theologin und jahrzehntelang beharrliche Sammlerin von weiblich-mütterlichen Bildnissen, und zwar rund um den Erdball. Sie entdeckt eine sehr ursprüngliche, symbolsprachliche Gemeinsamkeit über die Kontinente und Zeiten hinweg. Naheliegender Weise ist die Symbolhaftigkeit hier auf einer abstrakteren Ebene gemeint. Marija Gimbutas ging es darum, die zivilisatorische Leistung der frühen europäischen Kulturen aufzuzeigen. Dass sie wahrhaftige Kulturleistungen, wie eben die Protoschrift hervorbrachten, die die Bezeichnung „Zivilisation“ verdienen, im Gegensatz zum herrschenden, zumal akademischen Diskurs zum europäischen Neolithikum. Und zwar einer Zivilisation, die nicht auf Krieg und Hierarchie beruhte, wie die sozusagen anerkannten Zivilisationen, sondern auf der Verehrung von Werden und Vergehen, das neues Leben hervorbringt, repräsentiert in der weiblich-mütterlichen Figur. AvdM baut auf diese Arbeit auf.

Ähnlich wie bei der Archäologin sind bei AvdM die (überwältigend zahlreichen) Abbildungen so präsentiert, dass die Lesenden und Schauenden die Symbolverbindung über Zeiten und Kontinente hinweg nachvollziehen können. Jedes der acht Kapitel von Teil I (310 Seiten) schließt mit einem farblich unterlegten Kasten unter der sich wiederholenden Überschrift „Erinnere deine Muttersprache“. Die Form der direkten Ansprache verdeutlicht AvdM’s Absicht. Sie appelliert an die Lesenden, sich wieder einer anderen, sinngebenden Ästhetik zu öffnen. Ein Beispiel aus dem letzten Kapitel: „8.5. Erinnere deine Muttersprache, Zusammenfassung von Kapitel 8./ 1. In alten egalitären Kulturen von JägerInnen und SammlerInnen entsteht Venus-Kunst, und das überall auf der Welt, in warmen ebenso wie in kalten Regionen. …/ 19. In Chahokia, dem Hauptzentrum der Missisippi-Kultur (ca. 700 -ca. 1200), wo nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Ackerbau von Frauen dominiert wurde, wurden weibliche Figurinen gefunden, die vermutlich den Charakter der ‚alten Frau, die niemals stirbt‘ darstellen. Sie hatten eine sakrale Funktion.“ (S.290-291)

AvdM’s Anliegen wird auch an anderen Stellen, an der Wortwahl und freilich auch den entsprechenden Erläuterungen deutlich. Sie ist empört, fast möchte ich sagen „zutiefst verletzt“ von der Pervertierung und Entwürdigung des Weiblich-Mütterlichen durch die patriarchalen Schmutzkampagnen. In der Hinsicht bin ich ganz bei ihr, wie meine einleitenden Worte deutlich machen. Allerdings mischt sich bei mir ein Wermutstropfen in die Freude über dieses Werk. Gleich am Anfang – mich interessiert ihr Zugang zur Altsteinzeit – stolpere ich über Überschiften. „1.2.2. Die Venus von Willendorf als Höhepunkt der ursprünglichen Wollust. … 1.1.17 Venus von Willendorf als Callgirl, Österreich 1991. … dieses Plakat in Wien aus dem Jahr 1991 signalisiert: die Venus von Willendorf als Callgirl mit einer Handynummer, um Kunden anzulocken“ (S. 27). AvdM möchte damit aufrütteln und – so verstehe ich es – an die Frauenbewegung anknüpfen, als sie noch eine soziale Bewegung war, die sich anhand der Empörung machtvoll bewegte. Das kann jedoch nicht gelingen, so meine ich, indem der entwürdigenden Pervertierung nochmals Raum gegeben wird. So sollte Annine meiner Meinung nach auch nicht von „Venus-Kunst“ sprechen und damit einem Begriff des humanistisch-patriarchalen 19. Jahrhunderts Vorschub leisten, noch von “Lady“, dem entsprechenden Begriff der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert. AvdM begründet ihre Wortwahl im Vorwort, S. 15. Jenseits dieses Kritikpunktes – tatsächlich ist es einer und sind es nicht mehrere – bin ich der Meinung, dass AvdM’s Buch einen wichtigen gesamt-gesellschafts-politischen Beitrag zu einem neuen und zugleich altehrwürdigen zivilisatorischen Paradigma leistet, das  in unserer Zeit dringend nottut. Das feministische Aufbauwerk ist nur mit Stolz, Selbstbewusstsein und positiver Würdigung von Frauen und Müttern wirklich kraftvoll.

In „Teil II. Erinnerung an unsere Muttersprache“, mit über 300 Seiten, zeigt AvdM, dass und in welchen Formen sich die Symbolsprache der Mutter, als unser aller Ursprungsmutter verstanden, fortsetzt. Sie orientiert sich dabei sowohl an volkskundlich erforschten Überlieferungen der Landschaftsmythologie und der Tiersymbolik, die sich auch zahlreich in der kirchlich-christlichen Ikonografie finden. Sie gibt ihnen die mütterliche Sprache zurück, die sie trotz aller Verdrehungen nicht verloren haben. Dazu gehört auch die Zahlensymbolik, ebenso wie die Bedeutung der weltweit verbreiteten symbolisch repräsentierten Körperteile, so etwa der Hand. Mir fiel sogleich eine Abbildung der „Hand der Fatima“ ins Auge und auf derselben Seite entdeckte ich die so genannte „Annahand“, die mir aus Andachtsbildern in Süddeutschland in Erinnerung ist. Über den mütterlich konnotierten symbolsprachlichen und historischen Zusammenhang werde ich erst hier aufgeklärt. „Im 17. Jahrhundert gelang die Reliquie der rechten Hand der hl. Anna aus Istanbul an den Österreichischen Hof“. Noch heute wird sie in der Wiener Annakirche verehrt. Sie erscheint dann gehäuft auf Kirchenbildern, und Schwangere suchen Beistand bei einer Wachskopie der hl. Hand. Auch in anderen Erdteilen repräsentiert die Hand die Hilfe bei der Geburt, sie wird als Piktogramm verschiedener Segenssprüche gemalt und in der priesterlichen Segenshaltung schließlich patriarchal angeeignet. (S 524-526)

In Teil II tut sich eine Welt auf, die uns vertraut zu sein scheint, ohne es in einem tieferen Sinn auch zu sein. Das Buch ist eine wahrhaftige Fundgrube und ein hilfreiches Nachschlagewerk, das hilft, Erscheinungsformen zu lesen! Um die Vielfalt der Symbole, die uns im Alltag umgeben, aufzuzeigen und die Neugier anzuregen, führe ich die Unterüberschriften von „Erinnerung an unsere Muttersprache“ an, jeweils mit einem Abschnitt als Beispiel daraus. „1. Ihre Erscheinungsformen und Zahlen. 1. 7 Die weibliche Seite der Drei: Die Großmutter – Mutter – Tochter Dreifaltigkeit // 2. Ihre Lieblingsplätze. 2.1.3. Quellen und Flüsse // 3. Ihre Lieblingstiere. 3.4. Die Schlange // 4. Ihre liebsten Bäume und Lieblingspflanzen. 4.2. Der Lebensbaum. 4.3. Der Baum der Erkenntnis // 5. Ihre Lieblingskörperteile. 5.12. Die Brust // 6. Ihre Lieblingsbekleidung, die Lieblingsfrisuren/ Perücken und die beliebteste Ausstattung. 6.8. Der Knoten // 7. Ihre Lieblingskörperhaltungen. 7.3.2. Auf einem Gebärhocker // 8. Ihr Lieblingsspiel: Wenden und Wiederkehren.

Kurzum, dieses Buch sollte in keiner Bibliothek fehlen, sei es die der Universität, sei es die populäre Stadtbibliothek, der Handapparat eines Projektes oder das eigene Bücherregal. Für wissenschaftliche Bibliotheken und Forschungsprojekte werden der umfangreiche Anmerkungsapparat sowie die breiten Literaturangaben von Bedeutung sein. In diesem Buch finden sich auch jene Literaturangaben von Arbeiten aus der Frauenforschung, die man sonst, gerade auch in akademischen Fachbeiträgen z. B. zur Geschichte, so schmerzhaft vermisst. Das Abbildungsregister, einmal nach Kontinenten und einmal alphabetisch sortiert, erlaubt jeder und jedem in kürzester Zeit Antworten auf Fragen nach der Symbolbedeutung etwa eines Landschaftsmerkmals, des Gestus einer Figur in der Wandmalerei, oder eines Gebindes während der Erntefeiern zu erhalten. Ich wünsche dem Buch eine breite LeserInnenschaft, damit es zur Überwindung der Geringschätzung des Mütterlichen beitragen kann.

(Veronika Bennholdt-Thomsen)

  1. Veronika Bennholdt-Thomsen, in: Kultur und Politik, 3/ 2018, Zeitschrift des Bioforums Schweiz, S. 20-21
  2. James C. Scott, Against the Grain. A Deep History of the Earliest States, Yale University Press, New Haven/ London, 2017
  3. Marijas Gimbutas, Die Sprache der Göttin. Das verschüttete Symbolsystem der westlichen Zivilisation. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995
  4. Marija Gimbutas, Die Zivilisation der Göttin, Die Welt des Alten Europa, hg. Von Joan Marler, Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 1996

Haarmann, Harald: Das Rätsel der Donauzivilisation. Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas, C.H.Beck, München 2017; Harald Haarmann, Geschichte der Schrift, C.H.Beck, München 2007

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