Projekt Beschreibung
Ein notwendiges, aber auch kontroverses Plädoyer
Lachesis Newsletter, Sommer 2026
„Sorgerecht und väterliche Gewalt – Ein Plädoyer gegen die Gleichwertigkeit der Elternschaft von Mutter und Vater“ ist ein neues Fachbuch von Ilka Schnaars, Erzieherin, Sozialpädagogin und Juristin. Sie war viele Jahre in der Kinder- und Jugendarbeit, der Opferhilfe sowie im universitären Forschungsbereich tätig. Zuletzt arbeitete sie lange Zeit im Sozialdienst einer Frauen-Vollzugsanstalt.
Was mir an dem Buch sehr gut gefällt, ist die historische Aufarbeitung des Sorgerechts und die Darstellung, wie Frauen überhaupt erst um ihre Rechte als Mütter kämpfen mussten. Schnaars zeigt, wie sich die heutige Rechtslage entwickelt hat und welche Folgen die Stärkung des väterlichen Sorgerechts insbesondere für Mütter und Kinder haben kann. Dabei bringt sie natürlich viele Praxisbeispiele ein. Auch von anderer Seite gibt es inzwischen viel Kritik am aktuellen Umgang mit dem Sorgerecht und an der Gesetzgebung, insbesondere wenn es um gewalttätige Männer und den Schutz von Frauen und Kindern geht.
Schnaars‘ Forderung bezieht sich letztlich auch auf ein biologisches Element und auf statistische Verteilungen, da Männer bzw. Väter statistisch häufiger Gewalt ausüben. Das hat im Alltag und insbesondere beim Schutz von Frauen und Kindern sicherlich seine absolute Berechtigung. Mir erscheint dieser Ansatz in seinen Schlussfolgerungen jedoch zu kurz gegriffen.
Denn auch wenn die Statistik eine deutliche Sprache spricht, gibt es eben auch weibliche Gewalttäterinnen – beispielsweise im Bereich der sexuellen Delikte an Kindern. Gleichzeitig ist die Dunkelziffer bei Gewalt, die Frauen als Täterinnen benennen, enorm hoch. Gewalt lässt sich deshalb nicht allein über das Geschlecht der Eltern beurteilen.
Was in dem Buch für mich ebenfalls kaum erfasst wird, sind genderoffene Familienkonzepte. Eine Regenbogenfamilie wäre mit einer Argumentation, die stark von der biologischen Elternschaft von Mutter und Vater ausgeht, in einem solchen Modell schnell komplett unter dem Radar. Auch hier stellt sich die Frage, wie Sorgerecht und Kinderschutz gedacht werden können, ohne wieder ausschließlich in den Kategorien „Mutter“ und „Vater“ zu denken.
Ich denke deshalb, die Lösung kann leider nicht sein, nun einfach den Frauen das Recht zuzusprechen, die Kinder zu behalten. Vielmehr muss an anderen Stellen geschraubt werden: bei der Prävention, bei der Intervention und bei wirksamen Gewaltschutzprogrammen. Gerade hier hinkt Deutschland im internationalen Vergleich noch immer hinterher.
Daher würde ich dieses Buch grundsätzlich als spannende und wichtige Analyse sehen. Es macht auf ein Problem aufmerksam, das in der aktuellen Diskussion viel stärker berücksichtigt werden muss. Bei den daraus gezogenen Schlüssen und Forderungen muss aus meiner Sicht im Sinne eines weitergedachten Feminismus jedoch noch weitergegangen werden.
Warum ist dieses Buch auch für Therapeutinnen interessant?
Es eröffnet der einen oder anderen sicherlich ein wichtiges Feld, mit dem sich auch Klientinnen immer wieder auseinandersetzen müssen. Sorgerechtskonflikte, Gewalt und die Frage, wie Frauen und Kinder geschützt werden können, begegnen uns schließlich auch in der therapeutischen Praxis.
Und ja: Der Wind schlägt im Moment häufig eher den Frauen ins Gesicht als den gewalttätigen Männern. Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen, die Strukturen zu analysieren und gleichzeitig weiterzudenken.
Das Buch ist damit für mich weniger eine fertige Antwort als vielmehr ein wichtiger Beitrag zu einer Diskussion, die dringend geführt werden muss.
(Heike Brunner)