Projekt Beschreibung
Mutterrecht ist Menschenrecht
MutterlandBriefe, Nr. 37, Winter 26
Ilka Schnaars Buch „Sorgerecht und väterliche Gewalt. Ein Plädoyer gegen die Gleichwertigkeit der Elternschaft von Mutter und Vater“ ist ein einziges Wunderwerk: Die Autorin, selbst Juristin, doch auch Erzieherin und Sozialpädagogin, kennt sich aus in beiden Welten: sowohl in der Welt der Mütter und Kinder, als auch in der der Paragraphen und toten Buchstaben. Und sie wundert sich radikal.
Sie wundert sich darüber, warum sich trotz Istanbul-Konvention und jahrzehntelanger Versprechen die Lage der Frauen und Mütter immer mehr verschlechtert.
Sie wundert sich, wie es vor Gericht zu erheblichen Mißtrauensvorbehalten gegen Mütter kommt, statt daß diese im Mittelpunkt der Achtsamkeit und Wertschätzung stehen: Immerhin lassen sie eine Gesellschaft fortleben und geben ihr eine Zukunft, indem sie Kinder gebären, nähren und großziehen.
Sie wundert sich, wie Mütter und Väter in ihrer Elternschaft als rechtlich gleichwertig betrachtet werden können, wenn sie es in der Realität doch gar nicht sind, weil ausschließlich eine Mutter ein Kind zur Welt bringen kann.
Sie wundert sich über den Begriff „Eltern“ und daß dieser so gehandhabt wird, als wären Mutter und Vater gleich und gleichbedeutend – wie ein Wort in „Neusprech“[1]: zur Manipulation und Vertuschung.
Ja, sie wundert sich überhaupt und ganz grundsätzlich.
Und sie stellt Forderungen auf: Selten wurden Gerichte, Gesetzgebung und Politik so grundsätzlich in Frage gestellt, wie Schnaars das in ihrem Buch tut. Sie stellt Fragen an das Bundesverfassungsgericht, die sich gewaschen haben und alles Bisherige in den Grundfesten erschüttern. Sie stellt Fragen als Juristin und als Mutter[2], und sie kennt die Matriarchie, d.h. Sorgeverhältnisse und familiäre Lebensumständen von Müttern in Mutterländern – das macht es so brisant.
Eine Frau wird eine Mutter durch Geburt.
Ein Mann wird Vater durch Gesetz,[3] oder, fundamentaler betrachtet, durch den Willen einer Frau – wenn sie das für ihre Herkunftsfamilie, für sich und das Kind möchte. Wenn nicht, dann nicht.
Als Juristin schreibt Schnaars: „Für eine rechtliche Gleichstellung von Mutter und Vater fehlt es beim Vater an einem Äquivalent für Schwangerschaft und Geburt. Die Möglichkeit, ein Kind auszutragen und zu gebären, ist ein Alleinstellungsmerkmal der Frau als Mutter, dem der Mann als Vater nichts Gleichwertiges entgegensetzten kann.“ (S. 67 f.)
Doch wir leben nicht in einem Matriarchat. Hier, bei uns, lautet das Motto: „Wenn der Vater will, soll er alle Rechte haben. Wenn der Vater nicht will, kann er nicht gezwungen werden.“ (S. 133) So einfach ist es in einem Vaterland, in dem die ProPaPaganda täglich deutlich macht, wie wichtig ein Vater für ein Kind sei, während das Wort Mutter zunehmend gemieden wird. Er kann gewalttätig sein, ein Dealer, im Gefängnis sitzen und noch viel Schlimmeres – doch er wird immer als wichtig fürs Kindeswohl propapagiert oder zumindest nicht als dem Kindeswohl abträglich betrachtet, solange er „nur“ die Mutter schlägt und nicht auch noch das Kind.
Dazu passen Ilka Schnaars’ eigene Vorbemerkungen in ihrem Buch, die absolut lesenswert sind:
„Immer wieder entnehme ich den Medien Berichte über desolate Lebenssituationen von Frauen und Müttern.
Berichtet wird über die Tötung von Frauen aus Frauenhass (Femizid), über die zunehmende Gewalt gegen Frauen in und außerhalb von Partnerschaften, über Hass gegen Feministinnen. Es gibt Schilderungen von überquellenden Frauenhäusern und Berichte über Kinderarmut, die in den meisten Fällen eine Mütterarmut ist. Zunehmend wird auch von Müttern erzählt, die in Sorgerechtsprozessen im Zuge einer Täter-Opfer-Umkehr ihre Kinder an den Vater verlieren – nicht weil sie schlechte Mütter sind, sondern weil der Vater Anspruch erhebt auf Kinder, die ihm vermeintlich zustehen.
Ich weiß, dass es nicht in der Natur der Beziehungen selbst liegt, wenn zwischen Männern und Frauen, zwischen Müttern und Vätern und in der Gesellschaft als Ganzem Konflikte eskalieren. Ich weiß es, weil es auch heute noch Gesellschaften gibt, die den Frieden untereinander und mit ihrer Mitwelt so schätzen, dass sie ihn auch schützen. In den mir bekannten mutterrechtlich orientierten Gesellschaften, in denen es weder persönliches Eigentum noch Vererbung gibt und allen alles gehört und alle für alles verantwortlich sind, machen Machtkonflikte keinen Sinn.
Das hört sich nach Utopie an und ist in der Art, wie wir leben, nur schwer vorstellbar. Vielleicht auch nicht umsetzbar, fürchte ich. Aber es gibt diese Kulturen, von denen wir lernen können, wenn wir es wollen und bereit sind zur Veränderung.
Ein wichtiges Merkmal dieser Kulturen ist die schlichte Tatsache, dass es zwar sehr wohl bekannt ist, wer der Vater eines Kindes ist, und dass dieser Vater sich auch um das Kind kümmert – aber jenseits irgendwelcher Rechtsansprüche.
Und so ist für mich der Verzicht auf patriarchale Vaterrechte ein Mosaikstein auf dem Weg in eine friedliche Gesellschaft und eine Gesellschaft, die sich und ihre Mitwelt vor Hass, Gewalt, Ausbeutung und Vernichtung zu schützen weiß und sich durch Respekt und Achtung vor allem Leben auszeichnet.
In diesem Sinn möchte ich meine Ausführungen und Überlegungen verstanden wissen. Ich möchte den Vätern nichts nehmen. Ich möchte sie bitten, auf väterliche Gewalt jedweder Art zu verzichten und sich überraschen zu lassen von den ungeahnten Möglichkeiten, die sich dadurch auftun.“
Der zweite Untertitel ihres Buches lautet: „Fragen an das Bundesverfassungsgericht“. Besser kann sich die Situation gar nicht darstellen, denn eigentlich müssten alle „mit dem Herzen Denkenden“, wie es matriarchal heißt, fassungslos sein, angesichts der Härte, Kälte und Ignoranz, mit der Väterrechte gegen Mütter eingerichtet werden. So bleibt gar nichts anderes übrig, als nur die Möglichkeit, verfassungslos zu fragen, was sich eigentlich dabei gedacht wird in diesem Umgang mit Müttern. Denn daß hier etwas auf dem Kopf steht, was auf die Füße gehört, ist klar: „Die Mütter sind es, die die Menschheit am Leben erhalten. In alten Kulturen und in früheren Zeiten wurden sie deswegen besonders geehrt. Sie prägten das Bild der Ahnfrau und Göttin, das bei uns später durch das Bild des Vatergottes ersetzt wurde.“ (S. 78) Doch diese Ersetzung der Großen Mutter durch den „Vaterunser“ hält bis heute an, auf allen Ebenen. Da möge nur an „Leihmutterschaften“[4] erinnert werden, in der die Frau wieder rein zum Gefäß degradiert und entmenschlicht wird.
Immer wieder postuliert Schnaars: „(Es) kann keine gleichwertige Elternschaft abgeleitet oder konstruiert werden, denn weder der biologische Sachverhalt noch das Gesetz selbst in seinen Vorschriften (wie etwa §§ 1591 und 1592 BGB) belegen eine Gleichwertigkeit der Elternschaft von Mutter und Vater.“ (S. 77)
Und doch wird es getan, z. B. in Sorgerechtsstreitigkeiten.
Umso mehr bedaure ich es, daß der Klappentext des Buches im allerersten Satz aussagt: „Ohnmächtig und verzweifelt erleben nicht verheiratete Mütter, dass ihre Kinder von Jugendämtern und Familiengerichten den Vätern zugesprochen werden.“
Es betrifft keineswegs nur „nicht verheiratete Mütter“ und es wäre schade, wenn auch nur eine einzige verheiratete Mutter deshalb dieses Buch nicht lesen würde, weil sie wohl nicht mit gemeint sei.[5] So, wie Ilka Schnaars sehr persönlich ihre eigene Meinung in Form von „Ich“ postuliert, möchte ich berichten, daß ich mit meinen drei Kindern als verheiratete Frau und Mutter mitten in diese Mühlräder gelangte – quasi von dem Moment an, als der Schwangerschaftstest zu meinem dritten Kind noch feucht war. Für die Hölle mit zwei Kindern und einer weiteren Schwangerschaft muß frau nicht unverheiratet sein: Die kann auch schon in der Ehe auf eine Mutter warten.
Darum sollte jede Frau dieses Buch unbedingt lesen und weiterreichen
Dieses Buch verändert das Bewußtsein von Müttern in einem Vaterland. Es erklärt, warum sich manche oder sogar viele Mütter in unserem Land gejagt und verzweifelt fühlen und ständig Schuldgefühle empfinden, dem Vater Unrecht zu tun, wenn sie etwas seinerseits ablehnen, weil sie selbst und ihre Kinder darunter leiden. Mütter schwanken zwischen Angst und Ratlosigkeit, geprägt durch das Gefühl von Minderwertigkeit. Wenn sich DAS ändert, ändert sich die ganze Frau.
„Und wieder fühle ich mich schuldig“ lautet genau deshalb ein Titel von Christa Mulack, dessen Aktualität nicht geringer geworden ist. Daß Frauen/Mütter beschuldigt werden, ist seit Freud augenfällig geworden. Doch was passiert, wenn Frauen ihre Stärke erkennen? Davon bin ich selbst Zeugin geworden, ohne meine Geschichte hier ausbreiten zu wollen: Nur durch eine frauen- und mutterorientierte Schulung durch andere, hilfreiche Frauen erreichte ich als Mutter, daß ich ernst- und wahrgenommen wurde. Eine Mutter nimmt sich selbst anders wahr durch ein verändertes Bewußtsein, d.h. erst wenn sie ihre natürliche Stellung begriffen hat, wird sie sich aufrichten und gerade stehen können wie eine Jean d’Arc. Erst, wenn sie das Treiben der Mächte durchschaut, kann sie wirklich und wirkungsvoll kämpfen.
Dazu trägt dieses Buch von Ilka Schnaars maßgeblich bei: Die größte Waffe von uns Frauen/Müttern ist das Wissen um die Wahrheit: Nur wir können Menschen auf die Welt bringen. Alle Menschen haben eine Mutter!
Alle am familiengerichtlichen Verfahren beteiligten Berufsgruppen (RichterInnen, AnwältInnen, MitarbeiterInnen des Jugendamtes, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und GutachterInnen) sollten dieses Buch lesen, doch viel wichtiger sind wir selbst, denn es ist tatsächlich wahr-nehm-bar: Wir haben das Spiel durchschaut und verlassen die Arena.
Nun habe ich das außerordentliche Glück, Ilka Schnaars provokantes, an matriarchalen Gesellschaften orientiertes Buch mitten in einer Matriarchie rezensieren zu dürfen: bei den Minangkabau in West-Sumatra, Indonesien. Hier ist es so, daß, wenn es zu Streitigkeiten kommt, zwei Mutterbrüder zu Hilfe gerufen werden – ein Oheim[6] der Mutter und ein Oheim[7] des Vaters. Im Zweifelsfall kehrt der angeheiratete Miterzeuger der Kinder in seine Herkunftsfamilie zurück, wo immer Großmutter, Mutter, Tanten, Onkel, Schwestern und Brüder ihn empfangen. Doch: Kinder gehören zur Mutter und in ihren Mutterklan. Das ist ein Naturgesetz.
Und bei uns?
Oft genug jagt ein Gerichtsprozess den nächsten und hinterher ist häufig immer noch keine der Beteiligten zufrieden und obendrein verarmt vor lauter Prozessen. Oder konnte erst gar nicht in einen Prozess investieren, aus Geldmangel oder Mangel an Mut, was meistens für Frauen/Mütter gilt. Mütter in Vaterländern stehen vor einem gewalt(tät)igen und männerdominierten Apparat an RechtsanwältInnen, RichterInnen, GutachterInnen, NotarInnen, SozialarbeiterInnen, Jugendamt, MediatorInnen, PsychologInnen, SeelsorgerInnen, etc. Das ist nicht bio-logisch.
Dagegen in einem Matriarchat? Zwei Oheime in Rücksprache mit ihrem Matriklan wandeln hin und her, um alles friedlich zu regeln. Wo doch eines ein Naturgesetz ist: Die Kinder bleiben bei der Mutter!
(Dagmar Lilly Margotsdotter)
[1] Eine politisch willentlich eingeführte Sprache zum Zwecke der Manipulation, Vertuschung und Verwirrung im Roman „1984“ von Georg Orwell.
[2] In matriarchalen Gesellschaften gelten alle Frauen ab einem bestimmten Alter als Mütter, auch wenn sie selbst keine Kinder geboren haben.
[3] Siehe dazu Andreas Wolters: „Mutter durch Geburt – Vater durch Gesetz. Ordnungsmuster der Vergesellschaftung“, U. Helmer Verlag 2018.
[4] Auch ein Wort, das in das Lexikon für „Neusprech“ gehört.
[5] Kürzlich saß ich mit zwei mir unbekannten Frauen im ICE, die Jüngere hatte ein ca. 3jähriges Kind dabei. Sie hatte es dem Vater „zuzuführen“, von Hamburg nach Stuttgart jedes zweite Wochenende. Sie schilderte sehr dramatisch und unter Tränen ihre Sorgerechtsstreitigkeit und endete mit den Worten: „Ich dachte immer, das gäbe es nur in gewissen Schichten, doch ich bin ja Wirtschaftspsychologin. Wie konnte ich nur in diese Situation gelangen, ich komme doch aus gebildetem Hause!“ Ja, es betrifft uns alle, wenn ein Mann sich dazu entschließt, die Machtkarte als Vater auszuspielen.
[6] Oheim ist der Bruder der Mutter, ein Onkel also, jedoch nur ein Onkel mütterlicherseits.
[7] Also auch hier ein Bruder seiner Mutter.