Projekt Beschreibung

Erinnerungsstücke

Karin, die Ich-Erzählerin, wird von ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Edda damit konfrontiert, dass diese sich für ein selbstbestimmtes Sterben entschieden hat. Nun könnte die Leserin erwarten, dass sich Karin vorwiegend mit dem Thema Sterben, Tod und Selbstbestimmung beschäftigt. Das tut sie aber nicht. Edda lehnt jede Einmischung, jede Beurteilung ab. Daher versucht Karin, mit Hilfe von Gesprächen über Kindheitserinnerungen an die Beweggründe ihrer Schwester zu gelangen.
Die Autorin entfaltet ein Gewebe aus mehreren Strängen von Karins Lebenslauf, das zu einer Reflexion ihres Aufwachsens, ihres Erwachsenenlebens und ihres politischen Erwachens wird.
Da gibt es den „braunen Faden“ der Vergangenheit der Familie im Dritten Reich. Karin hinterfragt die Verstrickungen ihres Vaters, der als hoher Beamter in Riga während der Nazi-Zeit tätig war, und inwiefern er an Gräueltaten beteiligt war bzw. von ihnen wusste. In ihren Jugendjahren versucht sie, ihrem Vater eine Antwort zu entlocken, aber der schweigt. Auch im weiteren Verlauf ihres Lebens fragt Karin nach dem Umgang ihrer Mitmenschen mit dem Holocaust und ist entsetzt über die allgegenwärtige Verdrängung. Sie zieht diesen Faden bis in die Gegenwart zum Überfall der Hamas auf den Kibbuz in Israel, indem sie einen Briefwechsel mit ihren israelischen Freunden zitiert. Sie selbst empfindet bis ins hohe Alter ein „Gefühl von Schuld und Trauer“, nicht umsonst ist dies zum Titel des Buches geworden.
Einen weiteren Erzählstrang bildet der „rote Faden“ von Suiziden in der Familie, von der Großmutter über die Mutter und den Selbstmordversuch des Sohnes der Erzählerin. Auch die Entscheidung ihrer Schwester sieht sie in dieser Generationenfolge. Ausführlich lässt sie die Mutter selbst zur Sprache kommen, indem sie weite Teile aus deren Tagebuch zitiert. Die unglaubliche Überforderung, mit drei Kindern aus Lettland zu fliehen und die Familie erst in der DDR, dann im Westen als Flüchtlinge durchzubringen, erklärt ihre Erkrankung an Alkoholsucht. Verwoben in diesen Faden ist die Beziehung Karins zur Nebenfamilie des Vaters: seiner Geliebten und deren Sohn.
Die Gespräche mit ihrer Schwester erleben beide als neu geknüpfte Verbindung sowohl zueinander als auch zur vergangenen Familiengeschichte. Ihr Fazit ist: Die Liebe siegt, nicht die Depression.
In der Rückschau auf ihr Leben zieht Karin zum Schluss des Buches ein Resümee. Sie listet auf, was sie bereut, wofür sie dankbar ist, was sie ihrem Sohn aus ihren Erfahrungen heraus mitgeben will, welche Dinge noch zu tun sind und vor allem: welche Wünsche sich ihr noch erfüllen sollen.
Die Autorin entfaltet die Rück-Sicht auf ein langes Leben. In die episodenhaft erzählten Erinnerungsstücke flicht die Erzählerin – oder ist es die Autorin selbst? – ver/dicht/ete poetische Texte, in denen sie das jeweilig Erlebte, das jeweilig Erkannte auf einer tieferen Ebene lyrisch verarbeitet.
(Friederike Bleul-Neubert)