Projekt Beschreibung

Die Frau ist Mit-Schöpferin

www.geburtskanal.de, Sommer 2007

Hanna Strack entwirft in ihrem Buch eine Theologie der Geburt, nach der Gebären als ein heiliger und schöpferischer Akt gewertschätzt wird. Diese ursprüngliche, spirituelle und Frauen achtende Darstellung fühlt sich auf eine wunderbare Weise natürlich, richtig, ur-vertraut und sinn-voll an. Leider findet diese Ansicht wenig Beachtung in der heutigen alltäglichen Geburtshilfe und wird auch nicht von den Kirchen unterstützt.

Als Grundlage für ihren Entwurf einer frauenachtenden Theologie der Geburt dienen Hanna Strack die besonderen Erfahrungen von Hebammen. Sie hat zu diesem Zweck Interviews mit praktizierenden Hebammen geführt und diese im Hinblick auf ganz besondere Eindrücke und Empfindungen ausgewertet.

Die Theologin und überzeugte Feministin bemängelt, wie negativ sich die aktuelle Kirchenlehre zu Weiblichkeit, Fruchtbarkeit, Geburt, gebärenden Frauen und Hebammen positioniert: der Focus liegt auf Schmerz und Qual bei der Geburt und einer “Todesbesessenheit”; generell kann von einer Missachtung der Frau als Mit-Schöpferin gesprochen werden. Von den Theologen fordert sie deshalb, die Richtung zu ändern und unbedingte Achtung vor der Frau als Schöpfungshandelnde zu haben mit der Konsequenz, die spirituelle Ebene der weiblichen Fruchtbarkeit und des Gebärens auch aus theologischer Sicht anzuerkennen und die Frauen zukünftig darin zu unterstützen, das Heilige der weiblichen Schöpfungskraft in der Praxis erfahren zu können. Die traditionellen Aufgaben der Kirche könnten damit um neue Handlungsfelder erweitert werden.

Im Kapitel “Zur Geschichte des Hebammenberufes – Die Beziehung von Kirche und Hebammen” geht es um Hintergründe, Entwicklungen, Höhen und Tiefen der Hebammenkunst – und den übermächtigen Einfluss der Kirche auf den Fortpflanzungs- und Geburtsprozess über viele Jahrhunderte. Hanna Strack beschreibt das Miteinander von Frau und Hebamme im Wandel der Zeit als eine ursprünglich spirituelle, aus kulturellem und humanitärem Verständnis gewachsene und notwendige Hilfs- und Solidargemeinschaft; sie spannt den Bogen zur heutigen “Geburtskultur”, die von Technisierung und ausschöpfbaren medizinischen Möglichkeiten beherrscht wird und den menschlichen (weiblichen!) Bedürfnissen und Empfindungen im Grossen und Ganzen nicht gerecht werden kann. Auch auf Entartungen wie Babyfernsehen, High-Tech-Geburt, Wunschkaiserschnitt u.a. wird eingegangen.

Einen Dialog im Hinblick auf eine neu zu etablierende spirituell geprägte und frauenwürdigende Geburtskultur hält Hanna Strack nicht nur zwischen Hebammen und Theologinnen für notwendig und erstrebenswert. Sie fordert zum Gedankenaustausch über die spirituelle Bedeutung des Gebärens auf, an dem alle an der Geburt beteiligten Menschen (Mütter und Väter, Hebammen und ÄrztInnen, Familienangehörige des Neugeborenen, Freundinnen und Partnerinnen) zusammen mit TheologInnen und PhilosophInnen teilhaben sollten. Der Autorin geht es, bei aller theologisch geprägten Betrachtungsweise, grundsätzlich um die Etablierung einer frauenwürdigenden, an geistigen Werten orientierte, Geburtskultur. Somit ist auch die jeweilige Glaubensrichtung der/des Einzelnen für die praktische Umsetzung dieser Theologie einer Geburt nicht von ausschließlicher Bedeutung, wie mir scheint.

Der Anhang I enthält Liturgien und meditative Texte für verschiedene frohe und traurige Anlässe rund um die Schwangerschaft und Geburt, ebenso Segnungen, Gebete und Anregungen für Gottesdienste zu den verschiedensten Anlässen. Anhang II beinhaltet die Texte der Hebammen-Interviews sowie zwei ungewöhnliche Geburtsberichte. Anmerkungen und Literaturverzeichnis bieten eine wahre Fundgrube an Quellen für alle, die sich für die historisch-soziologisch-philosophisch-kulturellen Aspekte der Geburtshilfe interessieren.

Hanna Strack hat ein wunderbar informatives und in hohem Maße lehrreiches Werk geschrieben, das mit Freude zu lesen ist und dabei sehr zum Nachdenken – auch zum Handeln – anregt. Ein Buch, das sicherlich dazu beitragen wird, ein lange überfälliges neues Selbstverständnis gegenüber gebärenden Frauen und Hebammen zu entwickeln. Bei aller Wissenschaftlichkeit ist die Lektüre herzerfrischend, weil viel Positives und Berührendes geschrieben steht und es der Autorin auch nicht an einer guten Portion Humor fehlt.

(Silvia Skolik)