Projekt Beschreibung

Matriarchale Spiritualität, Jahreskreisfeste und noch mehr

bzw-weiterdenken.de, 10.9.2023

Der erste Gedanke ist: noch ein weiteres Buch über die Jahreskreisfeste, über Göttinnen und die feministisch-spirituelle Bewegung? Braucht es das wirklich? Aber dieses Werk von Heide Göttner-Abendroth geht weit darüber hinaus, eine Anleitung für Gruppen und Gesprächskreise zu sein. Es ist eine Zusammenstellung von Arbeitsergebnissen aus 30 Jahren kulturhistorischer und soziologischer Matriarchatsforschung, Erfahrungen mit Festen in Frauengruppen und der Entwurf einer neuen Gesellschaft, die ihre Werte nach den Maximen matriarchaler Prinzipien lebt und feiert.

In der ausführlichen Einleitung beschreibt Heide Göttner-Abendroth die Prinzipien der Weltordnung aus matriarchaler Sicht. Diese gründet sich in der tiefsten Verbundenheit menschlichen Lebens mit den natürlichen Abläufen und Zyklen von Sonnen- und Mondumlauf im Kosmos und damit den Erscheinungen in der Natur während der Jahreszeiten, insbesondere bezogen auf den europäischen Kontinent, dem Lebens- und Erfahrungshorizont der angesprochenen Leserinnenschaft. Aus dieser spirituellen Haltung grenzt sie sich von patriarchalen Deutungen wie den herrschenden monotheistischen Religionen, aber auch von esoterischen Strömungen ab. Im Mittelpunkt steht die weiblich empfundene schöpferische Lebenskraft, die mit den gesellschaftlichen Werten Fürsorglichkeit, Lebensfreude, Fülle, Gleichwertigkeit aller Geschöpfe das soziale, spirituelle und politische Leben bestimmen sollte.

Das Werk umfasst drei Bereiche: Matriarchale Mysterienfeste – unterteilt in Feste im Jahreskreis, Mondfeste und Feste der Lebensstadien –, Tarotkarten und Astrologie.

Heide Göttner-Abendroth gibt zunächst ausführliche Einführungen generell in die Festzyklen, gespeist aus ihren eigenen Forschungen zu den Wurzeln matriarchaler Feiern wie Märchen, Mythologie, Brauchtum und antiker Texte, sowie Beschreibungen einzelner diesen Festen zugeordneter Göttinnen, Symbolen, Farben, Aktionen. Interessant ist die Einbeziehung des „Heros“, der entweder als menschliches, sterbliches Gegenüber zur ewig schöpferischen Allmutter oder als vergehende Vegetation gegenüber der immerwährenden sich erneuernden Natur männlich gedacht ist.

In poetischer, fast schon schwärmerischer Sprache entwirft sie ein Idealbild von Landschaft, Klima und Ablauf eines jeden der acht Jahreszyklusfeste, in denen ein kleiner Kreis eingeweihter Priesterinnen Orte und Handlungen in intensiver spiritueller Haltung vorbereitet. Am Festtag selbst werden dazu eingeladene Frauen durch den Ablauf geleitet. Die Beschreibung mutet wie eine Inszenierung eines Mysterienspiels an, zumal während der Feier eine Gestalt als Göttin auftaucht und wieder verschwindet und eine andere Gestalt den dem Fest zugehörigen Heros spielt. Die Frauen sind dabei Zuschauerinnen, werden erst aktiv in einer der vorgeschlagenen rituellen Handlung und beim gemeinsamen Tanzen, Erzählen und Speisen. Heide Göttner-Abendroth steht mit ihrer Akademie Hagia ein ideales Gelände zur Verfügung, in dem naturverbunden im Garten gefeiert werden kann, Prozessionen und sogar ein Bad im Bach stattfinden können. Damit ist klar, dass diese Feste in der beschriebenen Weise nur in einer Umgebung, die die Verbindung zur Natur ermöglicht, und in einer Gemeinschaft von Menschen gefeiert werden können, die sich mental und zeitlich intensiv darauf einlassen können und möchten. Inwieweit Frauen diese Vorschläge in ihre eigene Lebenswirklichkeit in meist städtischer Umgebung umsetzen können mit ihren familiären und beruflichen Pflichten, die sie zeitlich und finanziell begrenzen, ist fraglich, auch die Möglichkeit, Kinder und Männer einzubeziehen.

Das kann besser gelingen bei den Mondfesten, bei denen Heide Göttner-Abendroth ein Treffen in kleinen Gruppen oder einen privaten Rückzug einer Einzelnen vorschlägt, und bei den Ritualen zu den Lebensstadien einer Person, die in Abständen von 28-29 Jahren als große Feier angelegt sind und als singuläre Ereignisse im Leben einen größeren Raum einnehmen können.

Zu den Tarotkarten: Heide Göttner-Abendroth untersucht das Bildprogramm der großen Arkana – exemplarisch ausgeführt am Rider-Tarot von Pamela Smith – die Symbolik der Darstellung, nicht aber der Praxis von Legesystemen. Sie entdeckt in den Gestalten und ihnen beigeordneten Gegenständen und Umgebungen uralte Zeichen, in denen sie den matriarchalen Ursprung erkennt.

Ein weiteres, groß angelegtes Kapitel ist die Neubewertung des astrologischen Systems als matriarchale Kosmologie. Heide Göttner-Abendroth geht dabei „archäologisch“ vor, d.h. sie nimmt die in der traditionellen Astrologie vorhandenen Symbole und Erkenntnisse als einzelne „Puzzleteile“, die sie dann zu einem Ganzen bildet, indem sie die fehlenden Teile aufgrund ihrer fundamentalen Kenntnis von Mythologien ergänzt. Sie bezieht sich auf die vorpatriarchale Hochkultur der Stadtstaaten in Vorderasien, Ägypten und Griechenland, in der die Priesterinnen die Göttin repräsentieren und in einer sakralen Beziehung den König als den ihr zugeordneten Heros einsetzen. Sie empfiehlt bei der Erstellung eines Horoskops zwar die Einbeziehung ihrer Erkenntnisse, warnt aber vor Bewertung und vor allem vor Deutungen der Zukunft. Die Beschäftigung – sowohl mit den Tarotkarten als auch mit der Astrologie – sollen anregen, sich in intensiver Weise mit den kosmischen und weiblich schöpferischen Kräften zu verbinden. Das Werk von Heide Göttner-Abendroth steht in der Tradition der Bewegung, die Ende der 1970er-Jahre begann und die sie mit ihren Forschungen zu Märchen, Sagen, Mythologien, matriarchalen Gesellschaftssystemen ganz erheblich beeinflusst hat. Viele Wegbegleiterinnen und Nachfolgerinnen beziehen sich auf ihre Erkenntnisse und haben sie auf ihre Weise weiterentwickelt und ergänzt, so dass inzwischen eine beachtliche Breite an Literatur zu Göttinnen, Ritualen zu Jahreskreisfesten und Lebensstadien, Landschaftsmythologie, Tarot usw. entstanden ist. Leider greift sie diesen Schatz z.B. in einer Literaturliste nicht auf, so dass der Eindruck dieses Werks als einer einzelnen bahnbrechenden Stimme für das Matriarchat entsteht. Ihre Ausführungen sind aber tatsächlich ein ganz großer Entwurf matriarchaler Mystik mit der Absicht, dieser Werteordnung der Mütterlichkeit, gespeist aus der innigen Erfahrung mit der Verbindung zu Kosmos und Natur, wieder Geltung zu verschaffen. Heide Göttner-Abendroth legt die Utopie einer fürsorglichen, friedensliebenden, gerechten, in Balance lebenden Gemeinschaft vor und empfiehlt ihren Weg hin zu diesem neuen Gesellschaftssystem.
(Friederike Bleul-Neubert)